16.5.
Albanien ist ein Land der Gegensätze. Das werden wir täglich auf unserer Fahrt erleben. Wir sind ohne Internet unterwegs, geraten auf Abwege und miese Straßen, stehen vor abenteuerlichen Hängebrücken, sehen interessantes und abartiges, Reichtum und Armut.
In Albanien gelten unsere Internetverträge nicht, weil wir nicht mehr in einem EU-Land unterwegs sind. Wir wissen noch nicht, wie lange wir hier bleiben, ob wir das Land schnell durchfahren oder länger bleiben. Erst einmal wollen wir ohne Internet auskommen. Wir haben uns drei Streckenverläufe kopiert, die der ADAC für Albanien vorschlägt.
Den Grenzübergang passieren wir völlig unkompliziert ohne Anstehen oder Kontrolle. Albanien empfängt uns im Regen. Das erste neue Objekt unsere Reise ist ein Minarett. Die gab es in Griechenland überhaupt nicht.

Völlig im Gegensatz zur dörflichen Idylle steht die Stadt Saranda an der albanischen Riviera – ein exklusives Hotel am anderen – es ist eine große Hotelstadt. Und wir werden das Gefühl nicht los, dass hier zwielichtige Transaktionen stattfinden, wenn junge albanische Männer in Gruppen zusammenstehen.
Wir durchfahren die schmalen Einbahnstraßen der Stadt einmal hin und zurück und finden nirgendwo ein Parkplatz! Ans Meer kommen wir überhaupt nicht hinunter.
Das „Blaue Auge“ – eine Karstquelle ist ein gut besuchter Touristenhotspot. Wir schauen uns das ganze von oben an, 500 Meter höher finden wir unseren ersten Nachtplatz in den albanischen Bergen.
Eine Herde stattlicher Kühe besucht uns gegen Abend. Es dauert Ewigkeiten, bis ihr Glockengeläut der Kühe verstummt. Immer mal wieder mal äugt eine neugierige Kuh ins Womo. Dann legen sich die Wolken wie Zuckerwatte über das Tal.
17. 5. Gjirokastra
Wir warten den Regen in den beschaulichen Bergen ab. Wir sind wieder in Normalzeit wie zu Hause, sonst waren wir immer schon eine Stunde voraus. Die Hauptstraße führt durch weit ausgeschnitten Täler zwischen den Bergen. Gjirokastra hat eine riesige Burg, die als Sehenswürdigkeit empfohlen wird.
Wir finden jedoch keinen Parkplatz in der Nähe, auch etwas abseits der Stadt ist es recht schwierig, entweder zu laut oder die Plätze sind uneben,schräg und geröllig, wenn man neben dem Fluss stehen will. Ohne Internet und Karte kann man sich fast nur an der Hauptstraße orientieren.
Selbst neben einem kleinen Kloster will uns ein gerades Stehen nicht gelingen Wir fahren nochmals einen beliebigen gerölligen Nebenweg und bleiben letztendlich neben einem Bagger und einer verrosteten Brücke stehen – ist nicht unser Tag heute.
18.5. Bujtina, Baba Almut Alipstivian
7 Grad morgens am Fluss. Nach der Zeitumstellung sind wir schon früh wach und beobachten, wie die Viehhirten ihre Milchkannen auf dem Pferd zur Hauptstraße schaffen.

Der Caravan ist zu schwer für die Brücke, die nur mit Brettern ausgelegt und mehrfach geflickt wurde. Pkw fahren noch darüber. Wir laufen lieber an die andere Uferseite. An der Weggabelung befindet sich ein Kirche. Das Tor wird gerade von einer Frau geschlossen. Wir entscheiden uns nicht in die Kirche zu gehen, sondern der Frau zu folgen. Sie trägt schwere Taschen und das schon eine Weile, denn wir haben sie schon beobachtet, wie sie von der Hauptstraße gekommen ist. Trotz der schweren Taschen ist sie uns immer mehrere Schritte voraus. Es sind keine Häuser zu sehen, nur eine Gasstätte. Wo will sie hin? Neugierig geworden gehen wir ihr weiter hinterher, irgendwo muss sie ja wohnen und da muss ja auch das Dorf sein. Sie macht Pause, nimmt einen Bonbon und bietet uns auch einen an.


Okay, Hendrik fragt, ob er ihr helfen kann, Taschen tragen. Und so machen wir es. Ich „unterhalte“ mich mit der Frau während des weiteren Aufstiegs. Ich verstehe kein Wort, sie redet nur albanisch bis sie irgendwann ihr Handy herausholt und ihre Schafherde zeigt, Enkel und Hund. Hinter einem kleinen Friedhof mit nur zwei Gräbern verschwindet sie dann mit ihren Taschen. Weiter mit wollen wir dann auch nicht. Hier oben gibt es ein paar alte Hütten. Wahrscheinlich ist das der Dorfkern. Wir kehren wieder um.
Nach 5 km biegen wir schon wieder von der Hauptstraße ab. Eine Moschee ganz oben auf den Bergen zieht uns magisch an. Es gibt auch ein Hinweisschild – also ab auf die geröllige staubige Nebenstraße. 10 km hin, 10 km zurück. Die letzen 4 Kilometer Aufstieg sind besonders sportlich. Aber wer diese Bergstraße nimmt, fährt sie auch bis zum Ende.
Oben angekommen, finden wir einen Palast vor. Hinter einem goldenen Tor verbirgt sich das Wunder von Baba Alis Tekke auf dem Gipfel des Alipostivan-Hügels. Das Tor ist mit wunderschönen Steinen verschiedener Art gebaut und so prächtig gestaltet, dass man es kaum erwarten kann, auf die andere Seite zu gelangen.

Tekken sind Zentren von Aktivitäten der Sufi-Bruderschaft. Der Sufismus ist die spirituelle Dimension der islamischen Religion. Hier scheint es auch ein Kultort mit Gräbern der Sufis zu sein.

Die Aussicht von hier oben ist noch einmal besonders toll. Es gibt kaum Touristen außer uns – aber auch niemanden, der den Gebetsort nutzt. Wir sind fast allein hier.
Die ganze Anlage wurde nach 1990 wieder neu aufgebaut, handwerklich perfekt und solide aber nicht so golden und prunkvoll wie wir von unten vermutet haben. Die Tekke mit den Gräbern und anderen Räumlichkeiten sind durch Betonstraßen und Treppen verbunden. Auf beiden Seiten der Tekke wurden Terrassen angelegt, die mit Obstbäumen, im Sommer aber auch mit Gemüse bepflanzt sind, das von den Gläubigen, die den Ort besuchen, und den Arbeitern, die sich um diesen Ort kümmern, verzehrt wird. Alles in allem ein traumhafter Ort mit Blick in den Himmel!

Abends werden die Beine in die Ecke gestellt, da können sie sich ausruhen, damit es den nächsten Tag weitergehen kann.

19.5. Permet
In der Stadt Permet empfängt uns am Ortseingang der große City-Felsen.
Durch schattige Straßen gelangen wir in das Zentrum. Von dort aus verlaufen mehrere kleine Geschäftsstraßen, die Waren liegen vor den Geschäften ausgebreitet.

Am großer Marktplatz steht ein schönes Hotel und ein großes Denkmal für die Befreiung vom Faschismus. In vielen Ortschaften sind die sozialistischen Denkmäler demontiert worden. Der schattige Park mit Blick auf den Fluss ist so angelegt, dass sich die arbeitende Bevölkerung gut erholen kann. In den gepflegten Blumenrabatten weht uns Rosenduft um die Nase. Mit dieser nette Skulptur beenden wir unseren Stadtrundgang.

Und woran erinnert uns das alles? Der Sozialismus – deine Welt!
Die schöne Straße im Tal zwischen den Bergen sollte man unbedingt mal gefahren sein, immer am Fluss entlang durch ein Tal im Hintergrund rechts und links die Berge.

Noch dazu ist sie so neu und glatt mit vielen Serpentinen. Das lockt sogar die Fahrradfahrer auf die Piste. Gerade die Serpentinen vor Carcove bis wir fast an der griechischen Grenze sind besonders schön – und anstrengend. Dahinter suchen wir uns auf einer netten Wiese oberhalb des Flusses einen Platz mit Blick auf die Berge.

20.5. …on the road again
Die Nächte bleiben kalt – 6 Grad. Am Tage ist es dann sehr sonnig und warm. Bei 25 Grad setzten wir die Fahrt auf der neuen Asphaltstraße fort. Die ist ein EU-Sponsoring. Wir sehen viele Radfahrer jeden Alters, die die glatte Straße mit ihren E-Bikes hoch und runterfahren, die vielen Serpentinen hinunterzufahren sieht richtig spaßig aus.

Entlang der Straße gibt es einige Hotels mit angeschlossenen Campingplätzen. Agrotourismus scheint einiges Geld einzubringen, sieht alles noch sehr neu aus, wahrscheinlich mit Erschließung der Straße. Die Block- und Finnhütten und der Wald erinnern uns eher an Tschechien auch die immer schöne Aussicht auf die Berge. Ab und zu springt mal ein blecherner Rotgardist aus dem Gebüsch.

Wir umfahren den etwas größeren Ort Eserke und stellen uns mitten auf eine Lichtung mit Rundblick. An einem Waldstück halten wir, nicht ohne mühsamen Aufstieg und einmal verfahren. Dafür gibt es jede Menge Waldvögel vor die Linse – Bienenfresser, Rotkopfwürger, Neuntöter, Zaunammer.
Wir stehen genau neben eine ehemalige Müllkippe. Die wurde mit EU-Geldern renaturiert. Auf dem ehemaligen Müllkippenberg wachsen jetzt dünne Bäumchen und eine absurde Anzahl von bunten Bänken flankieren den Weg. Hier wurden EU-Gelder versenkt. Niemand kommt und nutzt diesen „Park“. Lediglich der Hirte treibt seine Schafe hier hoch und die sitzen wohl kaum auf Bänken.

21.5. Eserke, Prespasee
Die Stadt Eserke ist sehr belebt. Ihre Einkäufe erledigten die Menschen aus den umliegenden Ortschaften hier. Mit Tüten bepackt, warten sie auf der Straße, bis sie wieder abgeholt werden. Auch wir kaufen einiges im Supermarkt. Kaffeebohnen gibt es nicht. Stattdessen 500 Gramm fein gemahlener aus der Kaffeemaschine in die Tüte – schmeckt aufgebrüht wie türkischer Kaffee. Wir stellen uns wie alle an, es gibt keine Einkaufskörbe und man staunt, wie die Kassiererin den Überblick behält. Das frische Brot nebenan wird an einer Theke direkt an der Tür verkauft.
Sofra Kolonjare Agrotourismus ist unser nächster Stop nachdem wir einen Flickenteppich von Straße im Regen hinter uns gelassen haben. Hier erwartet uns eine gemütliche Baude, ja fast schon ein kleines Privatmuseum mit traditionellen Kostümen an der Wand, Hirtenumhängen und allerlei Utensilien aus früheren Zeiten. Auch der Vorgarten ist liebevoll gestaltet. Erinnert uns alles sehr an die Zeit im Altvatergebirge in Tschechien bei Opi.

Die Gaststätte ist vom Tourismusministerium als traditionelle Albanische Küche eingestuft worden. Es wird Lamm von der eigenen Farm angeboten. Unsere Teller sind mit Schafskäse und Salat gefüllt. Die Bestellung erfolgt Englisch per Handy, vom Großvater hingehalten kommt unsere Botschaft in der Küche an. Endlich mal richtig leckeres Essen – unfrittiert und frisch.


Wir sind auf 1100 Höhenmetern unterwegs in waldreicher Gegend, verfahren uns einmal, kommen dafür durch ein interessantes Dorf, bis wir auf einem Feldweg wieder zur Hauptstraße zurückfinden. So viele Schafherden mit Hirten haben wir entlang der Straße noch nie gesehen.
Die nächste größere Stadt Korca durchfahren wir, bis wir endlich zum ersten der beiden Seen gelangen, dem großen Prespasee. Von oben liegt nicht nur der See sondern auch Felder vor uns, die noch per Hand und Sense bearbeitet werden. Überall stehen kleine Eselchen oder Pferde als Transporthilfen bereit.

Am Info-Point über dem Ort ist wieder unnütz EU-Geld versenkt worden. Nur ein trauriger Streuner wartet auf Futter, ansonsten will diesen Aussichtspunkt hier niemand nutzen. Der Schotter auf dem Platz ist so locker, dass man sich dreimal überlegt mit dem Auto draufzufahren und die Bänke haben keine Latten mehr. 70 000 Öken einfach mal in den Kies gesetzt.
In Pustec halten wir direkt am See unterhalb einer kleinen Kapelle. Mittig des Sees liegt die kleine Insel Maligrad. Am Ende der Straße steht eine super Villa mit Seeblick ohne Inneneinrichtung, hinterm Zaun ein Mercedes mit Nummernschild aus Ontario.
Was geht hier vor? Welche Geschäfte finden hier statt und warum fahren hier so viele einen fetten Mercedes?
22./23./24.5. Ohridsee
Der Ohridsee ist der tiefste See des Balkans. Zunächst ist an der Straße kein Zugang zum See zu finden, wir sausen an der Stadt Podracec nur so vorbei, bis wir Richtung Grenze zu Mazedonien endlich nach rechts ausweichen können. Hinter zwei Campingplätzen und einem fast brach liegenden Hotelbetrieb finden wir das ruhige Fleckchen, das wir gesucht haben.
Mit Blick über den See auf der Höhe von Lin sind wir vollauf zufrieden nach den anstrengenden Tagen mit vielen Kilometern Strecke. Alles ist hier so wie wir es uns wünschen, naturbelassen, kein Störung von außen. Nicht mal ein weißes Segel zeigt sich auf dem See, weil es der Grenzsee zu Mazedonien ist. Nur ein paar Fischer dürfen ihn nutzen. Mazedonien hat den größeren Teil des Sees, Albanien etwa 1/3.

Es weht nur ein leichter Wind, der das Wasser kaum bewegt. Neugierig schwimmt eine kleine Würfelnatter heran und ein Frosch hat uns bemerkt. Das war es! Der große Ohridsee strahlt eine Ruhe aus, wie ihn wir aus Europa kaum noch kennen. Mehr Ruhe geht nicht, es ist noch einmal der richtige Ort zur richtigen Zeit – sozusagen Halbzeit, um uns ein neues Land zu erschließen. Seit wir die Grenze überschritten haben, sind wir viel gefahren und machen hier mal richtig Pause.
Bis es Freitag Nachmittag ist…
Das Pleitehotel nebenan wird mit einer Busladung Kinder wiederbelebt.
Ein paar Womos finden sich noch ein. Bevor sich aber noch jemand mit in unserer Nische stellen kann, haben wir einfach mal zwei große Steine zu unserer „Zufahrt“ gelegt. Das ist nicht nett aber Geröllheimers wissen wie es geht. Ein wenig wollen wir noch die himmlische Ruhe am letzten Ende des Strandes genießen – kochen, essen, dösen, den Wellen zuhören. Diesen Platz gönnen wir uns noch einmal richtig.
Aber die Ruhe dauert nicht lange an – am Nachmittag kommt der Albaner – mit seinem Grill! Setzt sich mit seinen Kumpels mittenrein in die Womoidylle. Es gibt was zu feiern, einer von ihnen hat Geburtstag. Bis in den späten Abend hören wir traditionelle albanische Musik. Die Männer tanzen im Kreis und singen miteinander, während wir an den Womos mit dem Zehen im Takt wackeln. Im Schummerlicht hält es Hendrik und mich auch nicht mehr auf dem Campingstuhl und wir schwingen das Tanzbein vor unserem Womo zu der mitreißenden Musik. Danke für den kostenlosen Folkloreabend!
25.5. Elbasan, Albanische Riviera
Der See zeigt sich von seiner trüben Seite im Regen. Nach der Einlage gestern sind alle Womos abgefahren. Wir sind die letzten und stehen ganz allein. Aber hinter dem Pleitehotel sehen wir sie alle wieder, mindestes zehn eng aneinander.
Bei uns geht es weiter in Richtung Tirana. Und endlich klart auch das Wetter wieder auf. In der Stadt Elbasan besichtigen wir die Altstadt – auf altem Kopfsteinpflaster laufen wir an maroden Häusern entlang, lediglich die Eingangspforten sind schön anzusehen. Spricht man hier jemanden an oder wird angesprochen, wird man ihn nicht mehr los. Wir wollen unser Englisch in der Praxis testen, doch die anderen können die Sprache meist perfekt oder zumindest besser und texten uns dann zu. So hören wir im Souvenirshop einen Vortrag über die Stadt Berat, in der Kirche werden uns Infos über Bilder und Ikonen aufgezwungen nicht ohne einen Obolus an Mutter Maria und am Börekstand fängt sich Hendrik einen merkwürdigen Typen ein, der sich als Tourist aus Israel erklärt und am Ende noch unsere Telefonnummer haben will.

Wir müssen uns entscheiden ob wir weiter nach Tirana fahren oder wieder an das Meer. Stadt hatten wir gerade also weiter zum Meer – die Sonne scheint bei Temperaturen über 20 Grad – kein Wölkchen am Himmel.
Und dann sind wir das erste Mal in unserem Reisejahr richtig entsetzt.
Ja und eigentlich hat man es gewußt.
Und woanders auch gesehen. Aber doch nicht so, nicht in diesem Ausmaß, nicht in dieser Ignoranz. Es ist einfach fürchterlich und macht total traurig.
Wenn also im Sonnenuntergang die Plasteflaschen schimmern, unzählige Badelatschen einzeln herumliegen, von Kosmetikplaste bis Lenorweichspüler und wir uns fühlen, als ob wir auf einer Müllkippe stehen, dann läuft doch etwas so richtig falsch in diesem Land!


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