D/NL/B Mai 2024

05.05.24

Wir befinden uns noch immer in Deutschland und übernachten in Verden. Eigentlich könnte Hendrik seinem AG hier direkt seine Kündigung in die Hand drücken, denn in diese Stadt liegt auf unserem Weg Richtung Küste und hier befindet sich der Hauptsitz seiner Firma. 

Wir ersparen uns das und erfreuen uns stattdessen an den vielen in alle Farben blühenden Rododendronsträuchen in den gediegenen Vorgärten und vor den Toren der Firma. Die prächtigen Häuser sind so alt wie ihre Bäume. Die Kastanien haben ihre Kronen aufgestellt, die Stadt ihren Maibaum und schon wir fahren weiter, „stranden“ am nächsten Nachtplatz an der Weser im Regen.  

Heute ist Schinkenanschnitt – ein Miniserano! 

Serrano heißt auf Spanisch „aus dem Gebirge“. In speziellen Reiferäumen im  spanischen Sierra wird er 12 Monate luftgetrocknet.   So ein Proviant hält eine Weile auf Reisen. 

Wir haben jetzt 4 Wochen Zeit. Alles ist aufgeladen, was wir auch in dem Sabbaticaljahr mitnehmen werden – von Fahrrädern, Kajak, Grill,  Sonnenschirmen bis Ohrstöpsel – alles dabei.

6.5. 

Kalte Nacht bei 7,5 Grad. Die Sonne heizt das Womo auf. Über der Weser wabern Nebelschwaden, die sie vor sich hertreibt, bis sie ganz verschwinden – und schon haben wir Urlaubswetter, Fahrradwetter, Wanderwetter. Der erste Schubverband ist zu sehen, als der Nebel verschwunden ist. Weiter geht es auf der Autobahn bis nach Oldenburg. 

Wir quetschen unser Womo zwischen die anderen, stehen dafür am Küstenkanal eine Handbreit neben dem Wasser.  2007 waren wir  mit den Kindern in Oldenburg, ausser das Herbst war und jetzt Frühling hat sich hier nicht viel verändert. Eigentlich haben wir die Stadt kaum noch in Erinnerung. Immerhin  ist es unsere erste Radtour in diesem Urlaub. Die Räder sind gepimpt – gekürzter Lenker und neue Radtasche für mich, Fahrradständer für Hendrik und beide haben wir neue Griffe. 

Dann kann es ja losgehen!

Nach dem Stadtgang fahren wir weiter auf der Autobahn und entlang der Weser nach  Emden. Wir brauchen  einen Stellplatz für die Nacht . Wir können uns aussuchen, direkt hinterm Deich bei den Osterlämmern mit den fetten Mamaschafen oder  direkt am Hafenbecken. Wir entscheiden uns für Hafenblick mit Sonnenuntergang. 

07.05. Emden

Ich weiß nicht, was uns geritten hat, mitten im Industriehafen zu nächtigen genau an der Kurve wo gefühlt alle LkW vorbei müssen von Mineralölhandel bis Bitumenstrassenbau. Da entschädigt auch nicht das  coole Abendpanorama! Höchstens die gebratenen Eier am Morgen – alles passiert in der Kurve – aber uns nicht noch einmal! 

Wir besuchen das Otto Hus in Emden und bekommen am  Abend sogar noch ein paar extra Infos dazu. Aber erst einmal müssen die lecker Fischbrötchen verspeist werden. 

Anschließend fahren wir zum höchsten Leuchtturm Deutschlands. Ja, die Leuchtturmmanie hat uns wieder eingeholt! Und nichts ist heute schöner als in Ostfriesland in würziger Luft auf dem Deich zu sitzen, vor uns der  65 Meter hohe Turm, der letztes  Jahr  grundsarniert wieder seinen schönen karmesinroten Anstrich bekommen hat. Hinter uns ist die Chillarea der Wattvögel, die wir nicht betreten dürfen wegen der Eule und dahinter läuft die Ems ins Meer. Am Horizont sehen wir schon ein Stück Holland. Gibt also einiges zu gucken durch unser  neues Fernglas.

Nach kurzer Zeit gesellt sich auf unserer Bank noch ein Pärchen dazu und wie es der Zufall so will, ist es doch tatsächlich die Tochter des ehemaligen Leuchtturmwärters von Campen. Sie hat genau hier ihre Kindheit verbracht. Als sie so richtig warm gelaufen ist, wir so einiges über ihr Leben erfahren haben –  von Fischbrötchen, Zimmervermietung bis Schnäppchenjäger –   gibt es noch einige Infos über Otto obendrauf. Den kennen sie persönlich. Er  lud vom Rathausbalkon in Emden zu seinem 70. GT  alle Anwesenden zu Freibier und  700 Bratwürste ein, hat seinem Vater ein Auto geschenkt, obwohl der keine Fahrerlaubnis besass. Otto ist Gönner der Stadt Emden, keiner weiss ob er nicht auch das tolle Glockenspiel im Rathaus gesponsert hat. Hier  am Deich wird über alles gesnackt. 

Sympathische Ostfriesen und keiner hat  was dagegen, wenn wir am Leuchtturm zur Nacht stehen gleich neben dem Vogelschutzgebiet. Wir haben hier oben auch noch kein Womoverbotsschild gesehen. 

Jetzt wissen wir auch, wozu die Schafe am Deich gut sind. Sie haben die Aufgabe, die Erde schön festzutrampeln, damit der Deich schön dicht bleibt. Sollte da nur ein  einziger kleiner Maulwurf ein Loch hineinbohren, dann ist das sein Todesurteil! 

Pilsum 8.5.

…..im Traum

…. und in Wirklichkeit.

9.6.  Urk

Wir stehen vor Groningen am Meentewijk am Naturschutzgebiet. Morgens laufen wir im „Eenrichtingsverkeehr“ über  den Knuppelpad – ein Bohlenweg – der über das sumpfige Wasser führt. Überall hören wir Gänse und Enten schnattern, die auf dem Wasser auf kleinen Inseln ihr Domizil haben.

Dass einem bei dem schmalen Pfad etwas unwohl ist, so ohne Geländer, versteht sich von selbst – ist mal eine neue Erfahrung.

Heute ist Vatertag auch in Holland ein Feiertag. Überall in den Ortschaften ist was los. In Urk bekommen wir den letzten Parkplatz.  Den kleinen knuddeligen Leuchtturm an der Spitze des Ortes kennen wir, auch die Bank unterhalb, auf der wir schon mal gesessen haben. Bei diesem super Wetter mit Blick auf das IJsselmeer ist das gleich nochmal so schön.  Und es gibt eine Menge zu sehen. Viele Holländer sind mit Fahrrad unterwegs. Anders als bei uns sitzen die Kinder nicht in so einem Prenzelberger Lastentriobike  – das kleinste Kind sitzt vor dem Vater oder Mutter auf dem Kindersitz mit Blickkontakt, hinten sitzt das jüngere und vornweg fährt das Größte schon auf dem eigenen Rad. Die Holländer sind  sehr kinderlieb. Heute haben sich alle schick gemacht. Einige Jungs klappern tatsächlich mit Holzschuhen über den Asphalt. 

Wir gehen zum Hafen und zurück durch den kleine Ort rund um den Leuchtturm, können uns nicht satt sehen an den hübschen Häusern mit den kleine Vorgärten und dekorierten Fenstern, wie übrigens in jedem kleineren Ort an dem wir vorbeifahren.  Wat is dat schöön hier!

10.6. Tulpensaison…ende

Die Nacht stehen wir am Kanal, wie man sich das in Holland so vorstellt  – zur anderen Seite allerdings direkt am Kreisverkehr. Macht nix – wir haben ja was auf den Ohren. 

Bei Rutten am IJsselmeer beginnt unsere Fahrradtour ins Tulpenland. Wir sind allerdings spät dran. Die Tulpen haben ihre Blütezeit zwischen April und Anfang Mai. Die meisten Felder sind schon abgeerntet. Auf den verbliebenen Feldern strecken sich noch  ein paar letzte Tulpen  in die Sonne bevor sie geköpft werden. Ja, das geschieht wirklich, damit alle Kraft der Pflanze  in die Zwiebel geht und nicht in die Blüte, die Zwiebel schön dick wird. Die Dicken werden getrocknet und gesäubert kommen sie in den Versand.   Vom bunten Tulpenmeer über Felder hinweg ist leider nichts mehr  zu sehen. Auch der Keukenhof ist nur bis 12. Mai geöffnet und liegt in den letzten Zügen. 

Trotzdem verbringen wir den Tag weiter mit unseren Feldzügen. Überall sind große Trecker unterwegs zwischen  den verbliebenen  Tulpenreihen. 

Ein Tulpenerlebnisfeld gibt es in Creil auf einer Wiese neben der Straße mehr zufällig entdeckt. Die verschiedensten Tulpensorten kann man hier bestaunen – gefranst, gefüllt, zackig, einfarbig oder marmoriert von schneeweiß bis dunkelrot. Da klau ich mir doch glatt noch ein paar Zwiebelchen für zu Hause!

11./12.5. IJsselmeer – Almere

In den zwei Tagen die wir hier am IJsselmeer stehen  – eine Handbreit neben dem Meer, also erste Reihe – machen wir allerlei Beobachtungen bei Mensch und  Tier. Am faszinierendsten ist jedoch die Entenmama alleinstehend mit 10 Jungen! Sie schläft mit ihnen zwischen Rohren und versucht morgens ihre Kleinen über die Rohre in den  Seglerhafen nebenan zu locken. Heute hat es wieder eines nicht auf die andere Seite geschafft und so schwimmen alle zwischen den Rohren auf und ab.  Die Mamaente hält sie zusammen einschließlich das schwächste Glied der Truppe. Herzlichen Glückwunsch zum Muttertag – Frau Ente! 

Wir stehen bei Almere mit Blick auf die Skyline von Amsterdam und auf den Leuchtturm Marken – alles schemenhaft durch unser Fernglas zu erkennen.

Alte und neue Schiffe segeln an uns vorbei.  In entgegengesetzten Richtungen fahren die Schubverbände aus Amsterdam ein und aus.  Morgens bekommen wir Besuch von einem Silberreiher, der zwischen den Steinen am Wasser auf Nahrungssuche ist.  Hinter dem Hafen knattern Motorradgangs über den Asphalt. Über uns glänzen die Flugzeuge und setzen zum Landeanflug zum Flughafen Schippol an. Kormoranschwärme sind in ständiger Bewegung.  Unsere Zufahrtsstraße  ist am Abend besonders gut besucht, denn das Ende der Straße ist ist ein beliebter Schwulentreff.  Obwohl  schönsten Sonnenuntergang haben, können wir den nicht aussitzen. Mückenalarm –  kleine miniaturmonster  hellgrün aber harmlos, dafür in Schwärmen. Es ist kaum ein Sonnenuntergangsbild möglich, weil sie massenhaft vor der Linse rumschwirren. 

13.5.

Nach dem „langen WE“ nehmen wir unsere Reisetätigkeit wieder auf. 

Wir fahren auf der Ringstrasse um  Amsterdam herum. Die Stadt ist immer einen Besuch wert, aber  es ist noch nicht so lange her, wo wir mit Isi  zum Jahreswechsel 2023 dort waren. Die moderne Architektur, die wir von der Autobahn aus sehen können, begeistert uns immer wieder. Unser Weg führt uns  am Keukenhof vorbei, der seit 12.5.  geschlossen ist. Wir haben das Glück unweit davon noch ein komplettes Feld mit feurigen Tulpen zu sehen und damit eine Vorstellung davon, wie es hier aussehen muss, wenn die Felder in allen Farben blühen. 

Wir müssen das Klo unbedingt entsorgen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als abends eine Campingplatz anzufahren. Entsorgungsstationen auf Stell- oder Parkplätzen gibt es in Holland kaum. Freies Stehen wird immer schwieriger, ist in Holland ja eigentlich nicht erlaubt. Das letzte Mal haben wir der Campingbetreiberein 5 Euro in die Hand gedrückt für Wasser und Kloentsorgung und sind dann weitergefahren. 

Nun stehen wir zum ersten Mal auf unserer Tour auf einem Campingplatz vor Den Haag in Wassenaar für 25 Öken,  

In der Vorsaison sind nur Rentners unterwegs, die meisten noch mindestens 10 Jahre älter als wir. Von Kinder weit und breit nichts zu sehen. Hier bellt höchstens mal ein Hund. 

Es ist ja auch alles da, für Ältere, die noch mobil sind, sehr gute Radwege, viele an Kanälen entlang, hübsche Städte, gute Campingplätze. 

Unser Abendspaziergang führt  an Feldern, Häusern und Bauernhöfen entlang. Sehr idyllisch die großzügige Grundstücke mit riesigen alten und neuen Häusern versteckt hinter hohen Bäumen. Gänse schnattern auf den Feldern, Hasen hoppeln an uns vorbei.

Plötzlich fliegt ein  großer Vogel über uns hinweg, grasgrün mit langen Federn und rotem Schnabel. Gibt es so eine Vogelart in Holland? Wir verfolgen ihn, bis zu einem Baum, wo er sich niederlässt und entdecken noch einen – es ist  ein Pärchen.  Das Junge lugt aus einem  Astloch hervor.  Da rattert der Fotoapparat wie eine Nähmaschine!

Später lesen wir nach. Es ist ein Halsbandsittich, wahrscheinlich aus Privathaushalt einfach ausgewildert.  

Diese Papageienart gibt es eigentlich nur  in Afrika und ist in Indien sehr verbreitet. Dieser Exot, lebt nun friedlich neben Graureiher, Krähen und einheimischen Piepmätzen.

Das Junge hat übrigens noch kein Halsband!

14.5. Den Haag

Heute ist Strandtag – es scheint  den ganzen Tag Sonne aber so intensiv, dass wir es kaum zwei Stunden aushalten.  Noch dazu weht der feine Sand in die Haare und Klamotten, das Duschen am Morgen hätten wir uns sparen können. Der breite Strand ist schön, ein paar Mutige baden sogar. Ein ganz Mutiger schwimmt weit  draussen  mit seinem Plasteflamingo, schon eine ganze Weile… bis wir merken, dass der bereits gegen die Strömung ankämpft. Einige Leute kommen in Bewegung, die Polizei wird gerufen, aber irgendwie schafft es der Mann selbst wieder aus dem Wasser. 

Am Strand erwartet ihn seine hochschwangere Frau. Er läuft mit seinem pinken Flamingo stolz an der Polizei vorbei, als sei nichts gewesen. 

In Schweweningen, einem Stadtteil von Den Haag, stehen  wir am Hafen zwischen abgestellten Womo und Wohnwagen ganz unauffällig.  Schiffe gucken und außerdem stehen auf der anderen Seite des Hafens interessante Wohnhäuser. 

Neben der Strandpromenade verläuft ein  Fahrradweg, den wir bis zum Ende der  Promenade abfahren,  den ganzen Strand entlang ein Beachclub am anderen. Dazwischen befindet sich das Museum Beenden an Zee, ein Skulpturenmuseum, deren runde witzige Figuren auch an einem Stück der Promenade zu sehen sind. 

Im Zentrum der Promenade ist der Vergnügungspier mit Bungy Jumping und Riesenrad und gegenüber das einzige  Gebäude, das an vergangene Zeiten erinnert  –  das Grand Hotel , dass  zwischen Neubauten thront genauso wie der schlanke rote Leuchtturm.  

Keiner verlässt die Vergnügungsmeile  ohne Eis oder Kibbeling!  Das ist heute unser Abendbrot, ein bissl Fisch schön fettig in Backteig mit ganz viel Remouladensosse!

17.5. Rotterdam

Die letzten zwei Tage hatten wir viel Regen und haben die Zeit mit Schiffegucken verbracht. Mit den ersten Sonnenstrahlen ziehen wir mit dem Womo dem Schiffsverkehr nach Rotterdam hinterher. 

Schubverbände sogar ein großes Kreuzfahrtschiff ziehen an uns vorüber.

Das ist eine ganz entschleunigte Angelegenheit wenn man vorhat, sich in das Getümmel einer Großstadt wie Rotterdam zu stürzen. 

Mittags zeigt sich  endlich die Sonne und wir können die Stadt erobern

Die Skyline von Rotterdam bietet noch viel mehr moderne Hochhäuser als Frankfurt.M, wo wir vor kurzem waren. In Frankf.M stehen die Häuser enger zusammen und sind viel höher aber die Vielfalt der modernen Hochhäuserin in Rotterdam toppt es total, dazu das rege Treiben auf dem Fluss – Wassertaxi sausen hin und her, Containerschiffe, Fähren.  

Eine Hunkemüller-Reklame, eine übergroße Frau in Badebekleidung schaut über dem Tradionshafen auf die Kubushäuser. Die Kubushäuser von Piet Blom sind der eigentliche Anlass, die Stadt zu besuchen. Die gelben Würfel stechen sofort ins Auge. Ganz schön schräg das ganze! 

Das Konzept ist einem Baum nachempfunden  – Treppenhaus ist der Stamm und die Krone sind 51 Würfel, die auch bewohnt sind. Auf der untersten Etage befindet sich die Küche, darüber zwei Schlafzimmer und das Bad, ganz oben dann ein Wohnzimmer. Die Wendeltreppen sind mini. Interessante Fotos zu den Innenräumen kann man natürlich im Internet finden. Wir sind schon schwer beschäftigt mit den Außenfotos. Die Häuser überspannen ein Strasse und führen uns direkt zum nächsten Highlight – die Markthalle erbaut 2014 in Form eines Hufeisens, genauso futuristisch wie die Würfelhäuser aus den 80igern, aber alles aus Glas wie die meisten modernen Häuser in Holland. Das gibt tolle Spiegelungen in der Sonne. 

Drinnen staunen wir  nicht nur über  Größe und Höhe der Halle. Jeder, der hier eintritt, ist erst einmal mit dem Deckengemälde beschäftigt – eine Fülle von Frühlingsblumen in allen Farben! Die Fülle der Menschen an den Ständen ist grenzwertig. Zügig laufen wir an den Ständen vorbei, schon allein um nicht in Versuchung zu geraten bei all den Leckereien. Nur einmal gibt es bei Mandam Cocos zwei frische Teile, die wir auf der Bank draussen genießen mit Blick auf die Halle und das ganze Gewusel drumherum. In den Seiten der Markhalle kann man sogar wohnen.  

Wir sind eigentlich schon die ganze Zeit  begeistert von der Architektur Hollands. Es gibt so viele interessante Hochhäuser in den Häfen und am Meer mit großzügigen Fensterfronen, ausgelagerte Balkons, die direkt an den Gebäuden aussen hängen.

Selbst die Bürogebäude der Gewerbegebiete sind ultramoderne Hingucker.   Alles im Gegensatz zu manchen engen Wohnvierteln, die nach sozialem Wohnungsbau aussehen.

Wie zur Strafe für all das Schöne stehen wir auf dem ersten hässlichen Nachtplatz unserer Reise unterhalb von Rotterdam. Ist ausgewiesen als kostenloser Stellplatz mitten in einem Stadtviertel, aber mehr eine  illegale Müllablade, wo man erstaunlicherweise gut schläft. Der Stadtgang hängt uns wahrscheinlich noch in den Knochen. 

18.5.

Slag Maasmond – der Balkon von Europa. Hier stehen wir seit gestern, sozusagen die Entschädigung für die letzte Nacht im Müll.

Unzählige Schiffe aus allen Ländern laufen hier täglich in den Hafen ein und aus. Abends sind es  erleuchtete Geisterschiffe. Dazu  drehen sich vor und hinter uns unablässig die riesigen Windräder. Dieser Strand hat schon seinen eigenen Charme!

Und wenn du nicht mehr weisst welcher Tag  ist, dann bist du so richtig im Urlaub angekommen! Schiffegucken entschleunigt total! Man kann eigentlich nicht genug davon bekommen. 

19.5. Südholland – Hellevoetsluis mit Leuchtturm

Es ist aus mit Schiffegucken! Da wo das Meer ist, hören wir heute Morgen nur noch Nebelhörner, Nebel überall, selbst die Flügel der Windräder sind nicht mehr zu sehen.

Bis wir den nächsten Strand erreichen, ist es aufgeklart, die Windräder drehen sich wieder über uns. Die paar Sonnenanbeter verlieren sich in den Dünen, denn die Strände sind megabreit.

Unser Ziel ist der nächste Leuchtturm in Hellevoetsluis. In der kleinen  Hafenstadt  ist  heute  Pfingstmarkt und wir mittendrin. So schlendern wir einfach mit entlang der  Marktstände am Hafen bis zum Leuchtturm, natürlich nicht ohne da mal ein Kibbeling zu probieren oder hier mal eine frische holländische Waffel mit Karamell auf einen Kaffee zum Nachtisch. Immer wieder  legen alte Schiffe im Hafen an. 

Wir sind in der Mitte des Urlaubs angelangt,  fühlen uns richtig entschleunigt. Wir haben schon vieles gesehen, sehr abwechslungsreich vom Industriehafen, Windmühlen und Windrädern, kleine hübsche Orte mit Stadthafen oder Kanälen, ultramodernen Hochhäusern – hier gibt es  einfach immer was zu entdecken.  Zu Anfang waren wir ein wenig getrieben auf Tulpenjagd.  Jetzt ist das Tempo gut. Wir legen auch mal zwei Tage zum Stehen ein, zuerst in Almere zuletzt in Südholland beim Schiffegucken.  

Das Freistehen ist kein Problem und so haben wir meist eine tolle Aussicht auf das Meer. 

Schöne Momente kann man sich jederzeit selbst schaffen. Nimmt man sich ein bestimmtes Ziel vor,  bekommt man meist noch etwas dazu, was das ursprüngliche Vorhaben noch toppt.  In Rotterdam waren es zuerst die Kubushäuser, die uns fasziniert haben – die wurden anschließend  noch vom Blumengewölbe der Markthalle  übertroffen. Zuletzt in Hellevoetsluis war es der  Leuchtturm, den wir sehen wollten, dann hat uns der  Pfingstmarkt mitten hineingesogen ins  kulinarische und wir konnten vielen alten Segelschiffe beobachten, die anläßlich des Festes  in den Hafen einliefen.   

21. Brügge 

Die letzte Nacht haben wir in Cadzand auf einem ehemaligen Bauernhof verbracht. Inzwischen sind viele dieser Gehöfte Minicampingplätze. Ganz unkompliziert. Und wir haben eine kleine Grüne Oase um uns herum, hohe grüne Hecke zum nächsten Womo. Im Duschwürfel gibt es alles, sogar ein Haustiergästebuch. Man kann aber auch ohne Vierbeiner hier campen. 

Für uns wird es immer schwieriger ins Zentrum  der Städte zu gelangen – die Abgasnorm.

Als Womo mit Dieselmotor Euro 4 können wir nur noch bis zu einer vorgegebenen Grenze  fahren. Danach heißt es in die Stadt laufen, Fahrrad fahren oder bezahlen. 35 Euro für eine Tageskarte oder Bußgeld.  Am Meer war das bisher kein Problem, da es die Großstädte betrifft. So parken wir also unweit der Sehenswürdigkeiten und einen Parkplatz zu finden, ist auch schon schwierig.

Einmal Brügge sehen und dann sterben, den Filmtitel kennt jeder, ein richtiger Männerfilm, mit Gangstern, Blut und Ehre. Heute wirkt alles ganz harmlos  in den letzten zwei Stunden des Abends bevor die Geschäfte schließen. Wir sehen uns an den Schaufensterauslagen satt, sind  standhaft bis irgendwie doch so eine Tüte mit Pralinen zu uns gelangt. Die Confiserie Verheeke gibt es auch schon seit 100 Jahren.

Wir sitzen am Marktplatz auf einer Bank in gotischer Kulisse aus dem 16. Jahrhundert. Seitdem scheint sich hier nichts verändert zu haben,  ein riesiges Museum mit klappernden Pferdefuhrwerke und Glockenspiel. 

22.5. Brüssel

Das Atomium ist für die Weltausstellung in Brüssel 1958 gebaut worden. Bereits als wir die erste glänzende Kugel erblicken, kommen wir vom Fotografieren nicht mehr los.

Hier lassen wir es richtig krachen!  Neben dem Eintritt kostet uns die belgische Waffel  mit Kaffee und Aussicht 37 Euro!  Dafür können wir von hier oben mit dem Fernglas umsonst ins Europa-Miniland schauen, eine extra Ausstellung neben dem Atomium.  Wir sehen alle Sehenswürdigkeiten, die uns ab Herbst erwarten,  auf der Fläche eines Fußballfeldes. Die Panoramaaussicht auf die Stadt ist toll, aber noch besser die  Atomiumkugeln von oben sehen. Alle Röhren sind untereinander verbunden durch Fahrstuhl, Treppen einschließlich Rolltreppen. Wir fühlen uns  wie in einer Weltraumkapsel. 

Durch eine digitale  Lichtershow mit Klängen kann man in die Sphären des   Weltalls eintauchen und wir fühlen uns dabei wie Kapitän Kirk und Uhura. Das ist nicht nur ein Aussichtsturm von 102 Metern Höhe sondern ein Gesamtkunstwerk!!!!

23.5. Doel

Die Nacht verbringen wir ganz entspannt am Kanal am Rande eines Waldstücks  in Grimbergen weit oberhalb von Brüssel. Wobei wir uns gestern noch gefragt haben, ob wir das dürfen oder nicht. Bis wir herausbekommen haben, was auf dem Verbotsschild steht, hat es eine Weile gedauert. „Sluikstorten“ – Müllablagern  verboten. Das gilt also nicht für uns und sowas würden wir auch nie tun. Auch wir wollen morgens nicht im Müll aufwachen und frühstücken. 

Unsere Challenge heute führt uns heute zu WAS-O-MATIC – wassen – drogen – strijken. 

Es ist das erste Mal und so stellen wir uns auch an. Zuerst füllen wir alles vorschriftsmäßig in die Trommel, bis uns eine Frau sagt, genau die Trommel ist nur für Hunde- und Pferdedecken. Toll – alles wieder raus, das Waschmittel rausgekratzt – nächste Trommel.

Am Display die Nummer der Trommel auswählen aber die EC-Karte geht nicht. Während Hendrik in Hartgeld wechselt, kommt der Besitzer und erklärt das ganze Prozedere, das wir uns bis jetzt umständlich selbst erarbeitet haben.  Wir bezahlen 8 Euro für den Waschgang, kochen dabei Mittag. Unser Auto haben wir direkt vor dem Waschsalon geparkt. Den Trockner müssen wir 3 Mal bedienen, bis alles warm und  ein wenig mufflig herauskommt, weil wir uns den Weichspüler gespart haben.  Wenigstens ist alles sauber.

Unseren Stellplatz zur Nacht haben wir uns dieses Mal ganz gezielt ausgesucht – am Atomkraftwerk.

Das Thema ist umstritten, nach Ausstieg sieht das hier aber nicht aus. Vor dem Kraftwerk Wiesen und Marsch, wo unzählige Wasservögel nisten.  Krasser geht es eigentlich nicht, dieser Eingriff von Industrie in die Natur. Dafür ist ein ganzes Dorf in der Nähe  verlassen worden, wollten wir uns eigentlich ansehen, kommen aber nicht rein. Die Fotos, die wir vom Atomkraftwerk eigentlich nicht machen dürfen, sind natürlich spektakulär, noch spektakulärer der Sonnenuntergang hinter dem Deich!

24./25.5. Hasselt

Nachdem wir den Tag im Dauerregen verbracht haben, versuchen wir am späten Nachmittag Antwerpen zu umfahren und landen mitten im Verkehrsstau. Alle Zufahrten auf dem Autobahnring sind verstopft und wir mittendrin.  Nach einer Stunde  im Stau endlich eine Abfahrt! Wir verbringen die Nacht in der Nähe der Autobahn. Morgens ist sie wieder frei. In aller Frühe überqueren wir die einzige Brücke, die uns aus der Stadt herausführt und noch ein ganzes Stück weiter bis wir einen Bäcker finden, einen Kanal und nach dem Frühstück  noch ein wenig Schlaf nachholen. 

Der Urlaub bleibt abwechslungsreich. Mittags laufen wir  durch den größten japanischen Garten Europas in Hasselt. Die Koi-Karpfen sind auf jeden Fall die größten, die wir je gesehen haben. Die Kirschblüte ist leider schon vorbei und auch der Rhododendron lässt gerade die Blüten fallen.

Dieser Garten ist  eine nachgestaltete  Miniaturwelt, jedes Detail genau durchdacht. Ein kleiner Fluss mit Brücken und Wasserfall zieht sich durch den ganzen Garten, symbolisiert Leben und ständige Veränderung. Die Felsen stehen für die Beziehung zwischen Stein und Wasser, hart und weich, unbeweglich und fließend. Moose machen die Landschaft sanfter und harmonischer. In der Bonsai-Ausstellung, stehen die kleinen Bäumchen auch auf einem Moosbett. 

Aber eigentlich ist das ein Ort der Ruhe an der falschen Stelle. Denn im Hintergrund hören wir ständigen Autoverkehr. 

Noch am Abend überqueren wir die belgische Grenze und landen am Abend in einem schönen holländischen Waldstück. Der Fingerhut blüht hier meterhoch.

Auch ein Ort der Ruhe, wenn da nicht die Schnellstraße nebenan wäre! 

Wir stöpseln uns die Ohren und werden erst morgens von der Rush Hour und Vogelgezwitscher geweckt. 

27.5.- 30.5.  IJsselmeer

Es macht Spass jeden Morgen in einer anderen Gegend aufzuwachen. Gestern haben wir es aufs Land auf einen Bauernhof geschafft. Der  Preis für die Übernachtung ist human, es gibt ja auch nur ein Klo mit Duschkabine.  Unweit von uns ein riesiger Kuhstall, vor uns ein Streichelzoo mit Rotwild, Schäfchen, Ziegen und einem Pfau, der bei unserer Ankunft gleich mal ein Rad schlägt. Tisch und Stühle rausgestellt – Abendbrot bei guter Landluft und Tiere beobachten bis wir  wieder einpacken müssen, weil es regnet. 

Es geht in die letzte Urlaubswoche. Nach Belgien sind wir wieder in Holland zurück und haben uns einige kleinere Städtchen wie Meppen und Lämmern angeschaut. Danach sind  an das IJsselmeer zurückgekehrt, fahren weiter über Bauernland hinter den Deichen auf denen die Schafe grasen.  Die kleinen  Städtchen sind mit Kanälen und Brücken durchzogen, fast jedes Haus am Kanal  ein Hingucker. Der Knaller ist dieses Haus hier – das haben wir wirklich so gesehen! 

Das Vorderhaus wurde abgetragen und dahinter umgekehrt wieder aufgebaut.

Irgendwo fährt immer ein Boot in den Hafen ein,  Schleusen werden geöffnet oder Brücken hochgezogen. Manchmal wirft der Schleusenwärter  eine Angel aus, an deren Ende ein Holzschuh befestigt ist. So wird hier das Schleusen bezahlt.   

Wir haben die Tour mit den Kindern im Dethleff 2008 schon einmal gemacht. Städtchen wie Stavoren, Hindeloppen, Workum sind uns bekannt, auch wenn wir sie wieder neu entdecken. Die Fischskulptur  in Stavoren ist neu neben der bekannten Figur der Kaufmannswitwe.

Zum Mittag gibt es Kibbeling. In Holland ist das unser Lieblingsessen geworden.  Wir fotografieren Leuchttürme und  Wolkenpanorama bis wir abends einen Schlafplatz suchen müssen. Frei stehen ist schwierig in dieser Gegend. Wir können uns ja nicht genau auf einen Parkplatz vor einen Zeltplatz stellen. Durch Zufall entdecken wir ein kleines Schild mit Hinweis für Womo. Mit  15 Euro sind wir dabei, stehen ganz allein an einem kleinen Hafen hinter einem  Gewerbegebiet – und freuen uns, denn die anderen offiziellen Campingplätze sind randvoll mit Urlaubern.   

30.5. Workum

Für den Maler Jopie Huisman ist das friesische Land und seine Menschen einzigartig.

Eigentlich ist er Lumpensammler, dann beginnt er zu malen, abgetragene Schuhe, alte löchrige Hosen und natürlich seine Landschaft.  Mit soviel Talent, dass ihm zu Ehren ein Museum in seiner Heimatstadt Workum gebaut wird. 

Er ist alles das, was KI nicht kann, eine Inspiration, für diejenigen, die noch so malen möchten mit Feder, Bleistift und Pinsel.  

Auch uns wächst diese Landschaft immer mehr ans Herz. Ob wir am Hafen sitzen oder auf dem Deich und  Schiffe gucken, mit dem Rad durch die kleinen Städtchen fahren. 

Wir genießen die Einfachheit des Seins ohne irgendwelche Verpflichtungen. Die Landschaft ist weit mit Wolkentürmen, riesigen Bauernhäusern und den schönsten Sonnenuntergängen. Die Menschen sind unkompliziert und freundlich. 

Unser letzter Stellplatz ist auf einem Bauernhof, 7 Euro die Nacht, fast ohne Worte an den Bauern, schon stehen wir am Feldrand neben einem Birnbaum. 

Wir können endlich unseren Grill ausprobieren. Der funktioniert einwandfrei, das Grillgut sieht besser aus, als es schmeckt.  Die Sonne wärmt mit ihren letzten Strahlen.

Der Monat Mai ist ein toller Reisemonat – die Tage sind lang und hell, erst gegen 22:00 Uhr geht die Sonne unter.  

So abwechslungsreich  unsere Urlaubserlebnisse auch sind – Tulpen, Schiffegucken, Leuchttürme, breite Strände, kleine Städtchen aus vergangener Zeit, Kanäle, Kippling, Fahrradfahren, es geht zurück in die Heimat. Aber in 4 Monaten geht die Reise weiter, endlich mit viel mehr Zeit –  der Weg ist das Ziel.

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